Kopfkino kann faszinierend sein. Muss aber nicht. Beispielsweise dann, wenn man zum ersten Mal seit Wochen wieder mehrere Kilometer läuft. So wie heute.
Es läuft plötzlich nicht mehr nur der Körper. Es läuft vor allem der Kopf. Und dies seit Ende Februar (fast) permanent im linken Knie.
Hält der Meniskus?
Wie reagiert er bergauf?
Wie reagiert er bergab?
Sind Muster erkennbar?
Ist das jetzt einfach Muskelkater?
Oder genau der Schmerz, der irgendwann alles stoppt?
Fragen über Fragen.
Und gleichzeitig: endlich wieder ein bisschen Trail. Ein bisschen Freiheit. Ein bisschen dieses Gefühl von «da draussen sein». Für gut eine Stunde. Wenngleich die 900-Meter-Runde am Hausberg permanent zwischen Glücksgefühl und Monotonie hin- und herpendelt.
Und ja: Ich geniesse es trotzdem.
Während den rund dreieinhalb Jahren mit Long Covid hatte ich oft diesen Gedanken: Wieso habe ich eigentlich nichts Greifbares?
Nichts, das man auf einem Bild sieht.
Nichts, das man zeigen kann.
Nichts, das auf irgendeine Zeitachse gelegt werden kann.
Jetzt habe ich – seit Mitte März – ein MRI.
Mit Meniskusanriss.
Mit Knorpelschaden.
Schwarz auf Weiss.
Und trotzdem ist da wieder diese Ungewissheit: Was bedeutet das konkret fürs Laufen? Aktuell jedenfalls: keine Operation. Stattdessen Ende April eine Spritze: Hyaluron. Bekannt aus Funk und Fernsehen – dann, wenn es um Schönheitsideale geht. Aber auch ein Stoff, der Gewebe aufbaut und Entzündungen hemmt. Zumindest ist das linke Knie jetzt offiziell schöner.
Nebst Spritze ist da Krafttraining. Physiotherapie. Muskelaufbau. Eine Balance zwischen Aktivieren und Reizen. Aber nicht zu stark. Vor ein paar Wochen packt mich der Ehrgeiz beim schnellen Wandern: 6,1 Kilometer die Stunde, konstant, ohne Pause – knapp 23 werden es letztlich. Mehr als Halbmarathon.
Mein Physiotherapeut, bis vor kurzem Bremser im Bobsport, bremst mich ein: Nicht übertreiben! Nicht eskalieren! Nicht zu früh zu viel wollen!
Noch immer ist das Knie geschwollen. Entzündet. Mittlerweile kämpfen auch Schmerzmittel dagegen an, um diese Entzündung zu bremsen. Und das obwohl ich eigentlich kein Fan von Medikamenten bin, wenn es nicht sein muss. Aktuell muss es.
Währenddessen läuft das Kopfkino weiter. Geplante Starts an Events – wie dem Bergmarathon Hohe Winde oder dem «Trail des Celtes» beim UTMB Trail Alsace – wurden in den vergangenen Wochen bereits abgesagt. DNS – «did not start»!
Und eigentlich habe ich gedanklich auch den Hauptlauf des Jahres längst gestrichen: 50 Kilometer am «Swiss Alps 100» im Goms. Mittlerweile so etwas wie meine zweite Heimat.
Denn an der reinen Distanz, den 50 Kilometern, hängen weit über 3000 Höhenmeter dran. Rauf. Und vor allem wieder runter.
Das Gedankenkarussell dreht sich: Geht das mit diesem Knie? Und falls ja: zu welchem Preis? Ist danach vielleicht die ganze zweite Saisonhälfte vorbei? Wäre es schlauer, flach zu denken?
Der geplante «Ettinger Backyard Ultra» Mitte September, dann das Lauf-Wochenende in Brugg im Oktober. Weniger Risiko. Mehr Kontrolle.
Vielleicht.
Heute bin ich nicht schlauer. Noch nicht. In den nächsten zwei Wochen wird aber das Traillaufen intensiviert. Belastung ausreizen. Danach beobachten.
Die Schmerzen sind da. Auch heute. Aber weit weg von unerträglich. Mal Muskulatur. Mal Schleimbeutel in der Kniekehle. Mal Kniescheibe. Mal Meniskus. Nichts bleibt lange am selben Ort. Ich laufe, der Schmerz wandert.
Gegen Ende des Laufs nimmt alles etwas zu. Ginge das auf weiteren Kilometern linear so weiter? Oder sogar exponentiell? Keine Ahnung. Heute jedenfalls.
Jetzt wird das Kopfkino dem definitiven Realitäts-Check weichen müssen. Für heute kratze ich jedenfalls mal sicherheitshalber ganz vorsichtig das vor kurzem angebrachte Tipp-Ex von einem Kalendereintrag: Samstag, 8. August, 6 Uhr morgens, Fiesch.
Man weiss ja nie.
Jakob Herrmann, Gründer und Race Director des «Swiss Alps 100», zu Gast bei LAUFMOMENTE
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