Den Text des Gedichts? Natürlich nachgeschaut. Eine winzige Zeile kreiste im Kopf herum. Eine einzige, mickrige Zeile im gedanklichen Literaturspeicher. Von Eduard Friedrich Mörike, einem Schwaben. Gelebt von 1804 bis 1875. Danke, Google.
Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süsse, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!
Frühling, ja Du bist’s! Nicht bei Mörike in Schwaben. Nein, in Baden. Konkret Freiburg. Zum dreizehnten Mal Marathon und Halbmarathon. Heute, bei frühlingshaften Temperaturen.
Insbesondere auf der zweiten Streckenhälfte der rund 21 Kilometer langen Runde benötigen fast in regelmässigen Abständen Läuferinnen und Läufer links und rechts der Strasse medizinische Hilfe. Wir brauchen keinen Samariter oder gar Sanitätswagen. Wir? Ich – mit Personal Pacemaker. In der Person von Ruedi Frehner aka «Coach».

Das Ziel: Die persönliche Halbmarathon-Bestzeit von 1:57.21 aus dem Jahr 2005 endgültig aus der Rekordliste zu streichen. Die nackten Daten heute: 2:06.54. Enttäuschend. Verloren. Versagt. Ohne wenn und aber. Wobei …
Bis Kilometer 5 läuft noch alles rund und nach Plan. Danach meldet sich der Piriformis-Muskel erstmals. Entlang der Dreisam sinkt die Stimmung rapide, kurz vor dem Badenova-Stadion des SC Freiburg muss ich erstmals ein kurzes Stück gehen. Mental doppelt schwer: Es ist in diesem Moment nicht nur der persönliche Kampf, sondern auch die Tatsache, einen tollen Menschen neben mir zu enttäuschen.
«Mach Dir darüber keine Sorgen», wiederholt Ruedi auf den folgenden Kilometern immer und immer wieder. Seinem Wunsch kann ich nur bedingt entsprechen. Nach Kilometer 15 stehen wir beide mitten in der Freiburger Innenstadt am Strassenrand. «Wenn für Dich Aufgeben stimmt, dann ist es auch in Ordnung», sagt Ruedi. Mein rechter Fuss liegt auf einem Geländer. Ich versuche den Adduktor – lateinisch von «adducere», hinführen (Danke, Google) – zu dehnen und dadurch den Piriformis zu entlasten.
Die Garmin Forerunner 920XT spuckt nach diesem unplanmässigen Halt eine hochgerechnete Zielzeit im Bereich von zweieinhalb Stunden aus. Sehr enttäuschend. Haushoch verloren. Regelrecht versagt. Aber … das hochtechnologisierte, letztlich aber gefühlslose Gadget kann nicht wissen, dass ich just in diesem Moment – nach einer brutalen und ebenso streng geheimen innerlichen Personal-Schimpftirade mit meinereiner selbst – wortlos wieder auf die Strasse springe. Und in gefühlt flottem Tempo davonrenne.
«Gut, das sieht gut aus», ruft mir der zunächst verdutzte Ruedi hinterher. Wir einigen uns beim Kurven um die nächsten Hausecken darauf, dass ich dem Piriformis (der durch das Drücken auf einen Nerv immer wieder messerstichartige Schmerzen verursacht) von nun an bei den Verpflegungsstellen kurze Gehpausen gönne. Nur noch dort. Dafür konsequent bis ins Ziel. Aufgeben? Das Wort ist in diesem Moment unausgesprochen «tabu».
Die Pace steigt wieder. Nachdem ich zwischen Kilometer 12 und 18 – wohlgemerkt mit etlichen Pausen – nur eine Pace von 6:42 Minuten pro Kilometer auf den warmen Asphalt bekomme, drücke ich diese nun wieder unter einen 6er-Schnitt. Denn die Kondition und die Lust am Laufen stimmen. Aber alles ist in diesen Wochen so unberechenbar. Und entsprechend frustrierend. Erst recht heute.
Kurz vor dem Freiburger Messegelände folgt die letzte Steigung über eine Brücke. Die Garmin-Uhr hat sich mittlerweile auf meinen Kampfeswille eingestellt. Die prognostizierte Schlusszeit wirkt schon deutlich freundlicher: 2:06.54 Stunden sind es am Schluss offiziell. Im Schnitt: 6:01 Minuten pro Kilometer.
Enttäuschend? Verloren? Versagt? Auf Grund der nackten Zahlen: Ja. Aber dem Personal-Pacemaker sei Dank kommt ein weiterer Halbmarathon-Finish dazu. Aufgeben? Nein, das stimmte an diesem wunderbaren Frühlingstag für mich irgendwie nicht. Erst recht nicht wegen ihm: Danke, Ruedi!





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