Endlich wieder mal mehr Schweizer und Europäer in der Stadt als Chinesen, rutscht es dem Speaker kurz vor dem nächsten Blockstart der Voll- und Halbdistanzmarathonis heraus – und er beginnt seine Aussage sogleich zu relativieren. Betont die Wichtigkeit der Asiaten aus dem «Land des Lächelns». Und dass sie ja sehr gerne gesehen seien, hier in Luzern. Natürlich und grundsätzlich.
Es sollte der einzige kleine «Faux pas» an einem wunderbaren Sonntag-Vormittag werden. Neuer Strecken- und Besucherrekord beim «9. Swiss City Marathon», die Organisation greift wirklich Hand in Hand: Angefangen beim Schiffs-Shuttle-Betrieb vom Bahnhof zum Startgelände quer über den Vierwaldstättersee im gefühlten Minutentakt, über die erstklassige Infrastruktur bei Garderoben und Duschen – bis hin zum Streckenverlauf, der zwischen Stadtrundgang, Uferidylle, Villen-Sightseeing und Alpenpanorama wirklich alles bietet. Schlag auf Schlag. Die Traverse des KKL auf blauem Plüschteppich mit Trockeneis und Scheinwerfershow inklusive. Soviel steht fest: Luzern kann Marathon.
Es noch einmal so richtig krachen lassen, war meine Devise auf der Halbdistanz. Und das ging – zwei Wochen nach erfolgreichem München-Marathon – auch weitestgehend auf. Selbst im coupierten Gelände stadtauswärts Richtung Kastanienbaum und St. Niklausen pendelt sich die Pace zwischen 5:16 und 5:52 Minuten pro Kilometer ein. Und franst erst bei Kilometer 14 aus, als ich mental etwas abhänge.
Danach wird gebissen, wird die Komfortzone verlassen. Jedenfalls so gut es geht. 84,4 Wettkampfkilometer innert vier Wochen stehen nach dem Zieleinlauf im Innenhof des Verkershauses auf meinem Tacho. Und die leise Enttäuschung, die persönliche Halbmarathon-Bestzeit von 1:57.21 Stunden auf dem letzten Streckendrittel in den Sand gesetzt zu haben, verfliegt rasch. Auch die erlaufenen 2:03.29 Stunden dürfen sich sehen lassen, die Ausdauerform stimmt.

«Diese Form müssen wir jetzt erhalten», resümiert der «Coach» bei der heutigen Telefonanalyse aufmunternd. «Die Leistung von gestern, nur 14 Tage nach München, ist Beweis dafür, dass Du beim Marathon in den jetzigen Regionen nichts zu suchen hast – 4:00 bis 4:10 Stunden liegen da drin.» Heisst im Klartext: 13 bis 23 Minuten schneller als beim bisherigen Rekordlauf.
Eine Kampfansage. Der Hörer rutscht mir etwas aus der Hand. Spuren von Angstschweiss? Umgehend nicke ich. Selbstbewusst. Zustimmend. Und gut hörbar, natürlich. Denn: Ambitiöse Ziele? Mag ich. Nein, ambitiöse Ziele kann ich!
Vorerst aber zwei, drei Tage Regeneration – danach wird im Hinblick auf den Basler Stadtlauf von Ende November an der Spritzigkeit gefeilt. Und dann? Zurück an die Ausdauer. «So alle 14 Tage zwischen 25 und 30 Kilometer», höre ich den «Coach» am anderen Ende der Leitung bereits konkrete Pläne schmieden. Die Excel-Tabelle öffnet sich vor dem geistigen Auge.
Und irgendwie gefällt mir die Vorstellung: Propagieren wir das Laufjahr 2016 doch schon heute als «Jahr des Lächelns» – mit oder ohne Chinesen.





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