Wenn schon verletzt, dann muss es auch so richtig dramatisch klingen. Patient eines Digitus-Pedis-Anpralltraumas mit einhergehender Fraktur – damit lässt sich leben. Und soll jetzt ja niemand behaupten, diesen Begriff gäbe es in der Welt der Medizin nicht. Spielverderber!
Ganz ehrlich und unter uns: Tönt doch viel cooler als Zehenbruch – und wegen eines nahezu mikroskopischen Knochenschadens, der in der Entstehung (menschliche Extremität gegen schwedisches Interieur) nicht dämlicher sein könnte, erneut mindestens vier, realistischerweise eher sechs Wochen mit dem Lauftraining aussetzen. Hätte sich Edward Whymper davon bremsen lassen? Der Engländer, der am 12. Juli 1865 nach Zermatt gereist war und mit Schrecken festellen musste, dass sein italienischer Freund und Bergführer Jean-Antoine Carell im Wettrennen der Matterhorn-Erstbesteigung ohne ihn losgelaufen war?
Gut möglich. Ja.
Aber wieso ausgerechnet Whymper? Die Parallelen sind … naja … doch etwas grösser als nur marginal. Weil durch die neuerliche Trainings- und Vorbereitungspause die Teilnahme am Zermatt-Marathon vom Tisch ist, werde auch ich am 3. Juli 2015, also knapp 150 Jahre nach dem britischen Bergsteiger, leicht gereizt und mindestens so enttäuscht ins Matterhorndorf reisen. Ausgerechnet in diesem Jahr, wo der Lauf – mit zugegebenermassen in der Tendenz doch eher vernachlässigbaren Medaillenchancen meinerseits – als Berglauf-Weltmeisterschaft zählt. Und ausgerechnet in diesem Jahr, in dem die Erstbesteigung des schönsten Bergs der Welt gebührend gefeiert wird.
Die Geschichte von 1865 ist bekannt: Whymper wird Carell auf dem Gipfel zuvorkommen, doch beim Abstieg kommt es zum Drama – nur drei Männer der siebenköpfigen Seilschaft kehren ins Dorf zurück. Es folgen Verleumdungen, Mutmassungen und Beschuldigungen. Was genau geschah, bleibt bis heute ungeklärt. Niemand wird verurteilt und die Akte während 55 Jahren unter Verschluss gehalten.

Noch heute, rund 150 Jahre später, fesselt die Tragödie, die gleichzeitig als Sternstunde im Alpinismus gilt: «Tatort Matterhorn», heisst ein zweiteiliger Dokumentarfilm, den das Schweizer Fernsehen SRF am 26. März und 2. April ausstrahlt. Und ab dem 9. Juli wird während fast zweier Monate «The Matterhorn Story» als höchstgelegenes Freilichttheater Europas auf dem Riffelberg aufgeführt. Dessen «Key Visual» vulgo Plakat hat mich gepackt: Einerseits sind Premierentickets gekauft – und anderseits soll der entschlossene Geschichtsausdruck Whympers stellvertretend für meinen weiteren Saisonverlauf stehen.
Kommenden Donnerstagmorgen nehme ich virtuell Pickel und Seil in die Hand und absolviere mein erstes Personal Training im Bereich Kräftigung. Digitus-Pedis-Anpralltrauma hin, Zehenfraktur her. Das Motto: «I’ll be back» – wenngleich ich jetzt wohl gerade zwei Heldengeschichten gehörig miteinander vermische …
«The Matterhorn Story»
Freilichtspiele Zermatt, Riffelberg-Gornergrat
9. Juli bis 29. August 2015
Online-Tickets





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