Mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor könnte man behaupten: Sie haben das Zielfoto ruiniert! Ein sauberer Gruss in Richtung Publikum auf der Tribüne, der jetzt so aussieht, als würde der auf der vorbeirasenden Trage liegende Läufer höhnisch verabschiedet. Von mir, vergangenen Sonntag in Köln. Auf der Komödienstrasse. Hohn? Mitnichten. Eine Komödie ist jener Moment leider nicht. Auch nicht mit schwarzem Humor.
Beim ersten Instagram-Post nach dem Wettkampf fällt es gar nicht auf. «Der Dom ist das Ziel», so der Slogan des Köln-Marathons. Und besser hätte das Bild von meinem Personal Motivation Coach gar nicht ausfallen können: der Spruch auf der Bande hinter mir, links oben die Turmspitzen des Weltkulturerbes, rechts unten ich. Auf dem roten Teppich. Aber nicht alleine. Bemerkt erst, als ein Arbeits- und Laufkollege kommentiert: «Ist das in Köln im Startgeld inbegriffen, dass immer Sanitäter hinterherrennen?» Ja, kontere ich umgehend – ab Kategorie Ü50.
Natürlich hatte ich die in rot gekleideten Helfer live gesehen, als ich nach 42 Kilometern auf die Zielgerade einbog – und sie sich über den dann noch auf dem Boden liegenden Läufer bückten. Ein zweiter sass wenige Meter nebendran, etwas «frischer», aber in diesem Moment auch nicht mehr zur Fortbewegung ohne fremde Hilfe fähig. «Wie kann so etwas nach absolvierten 42’000 Metern just 200 Meter vor dem Ziel passieren», schoss es mir in jenem Moment durch den Kopf. Und ich habe die Frage noch immer nicht beantworten können. Denn es ist bei diesem Lauf nicht der einzige «Vorfall», den ich hautnah beobachten sollte.
Bei Kilometer 20 kommt mir auf der gegenüberliegenden Seite der richtungsgetrennten Universitätsstrasse ein Läufer entgegen, der die Startnummer bereits vom Trikot gerissen hat und verkrampft in der linken Hand hält. Er hat zu jenem Zeitpunkt erst 17 Kilometer hinter sich. Der Körper hängt zunehmend schräg und verdreht über dem Asphalt. «Das sieht nicht gut aus, das sieht nicht gut aus …», ruft ein Zuschauer aufgeregt. Wenig später sind auch hier Sanitäter vor Ort.
Bei Kilometer 37 vor dem Ebertplatz ein kurzer Zwischenspurt meinerseits. Vor mir beugt sich ein weiterer Läufer über das Trassee der Kölner Verkehrs-Betriebe und droht, jeden Moment unsanft aufzuschlagen – bis ich ihn unter den Armen zu fassen kriege. Ein Zuschauer eilt herbei: «Lauf weiter, wir rufen die Sanität.»
Die Hintergründe dieser Zwischenfälle sind mir natürlich nicht bekannt. Entsprechend ist dieser Blogartikel auch ein bisschen anmassend, soll jedenfalls niemanden verletzen. Aber irgendwie geht mir das Stichwort Leistungsgesellschaft durch den Kopf. Nicht mehr auf den eigenen Körper hören. Immer verrückter, schneller, weiter. Grenzen überschreiten. Aufgabe als Niederlage. Marathon ist «in». Ja. Doch das geht doch auch mit Lockerheit und Einsicht.
Meinereiner hat übrigens «gefinished»: Nach einem Zwischentief zwischen Kilometer 20 und 28, das sich aber primär durch müde Beine nach dem Laufjahr 2019 mit zwei Ultras bemerkbar machte, ging es mit zunehmender Dauer wieder besser – die Zeit von 4:50 Stunden ist aber natürlich alles andere als überragend. Doch ich bin zufrieden. Lief mit einem breiten Grinsen über die Ziellinie. Mit einem Blick zu Eliud Kipchoge rechne ich wenig später meine Laufzeit in einem Facebook-Kommentar auf 1 Stunde und 230 Minuten hoch. Mein ganz persönlicher «Sub-2-Marathon».
Das nehme ich als Motivation Richtung Rennsteiglauf im kommenden Mai mit. Dort warten rund 74 Kilometer und 2000 Höhenmeter. Weiter und länger. Grenzen überschreiten. Aber mit der nötigen Lockerheit.
«Gratulation» allen Köln-Finishern. «Kopf hoch», all denjenigen, die ihre Träume unterwegs irgendwo begraben mussten. Und «gute Besserung» dort, wo die Sanitäter zu Hilfe eilen mussten. Eines ist allen gemein: Tragt Sorge!
Aus dem breiten ist seit Sonntag längst ein permanentes, zufriedenes Grinsen geworden …






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